Typisch!

Vor ungefähr einer Woche waren die Bomben gefallen. Falls auf dieser Welt noch Leben war, würde es zu Ende gehen. Allein über dieser Stadt hatte es beinahe zeitgleich 4 Detonationen im Megatonnenbereich gegeben. Der Tod war heiß und rasend schnell gekommen.

Wer den Krieg angefangen hatte? Niemand wusste es. Er begann einfach. Am Strand. Auf der Autobahn. Beim Einkauf. Essen. Gartenarbeit. Job. Kaffee. Lesen. Mittagsschlaf. 

Ronald und Christin hatten überlebt. Als Geologen widmeten sie sich einem Höhlensystem, das noch unterhalb eines alten U-Bahn-Tunnels lag. Natürlich sahen sie nichts vom Krieg, aber selbst in dieser Tiefe spürten sie die furchterregende Wucht der Atombomben. Ihre eingelagerten Vorräte hatten sie in den vergangenen Tagen aufgebraucht. 

„Gehen wir nach oben?“ Ronald schüttelte den Kopf. „Wozu?“. „Ich möchte nach oben!“. Christin klang fast trotzig. Er schwieg. Überrascht davon, wie viel Nachdruck noch in ihrer Stimme lag. Schweigend machten sie sich auf den Weg.

Nach beinahe einer Stunde gelangten sie über eine von innen verschlossene Tür in den alten Tunnel. Noch weiter nach oben. Über Rolltreppen, die nicht mehr rollten und Gänge, durch die niemand mehr ging. 

Draußen erwartete sie eine fast ebene Fläche. Bis zum Horizont. Über ihnen lag ein nahezu schwarz bewölkter Himmel. Es wehte ein eisiger Wind. Die radioaktive Strahlung musste enorm sein, denn sie spürten bereits eine intensive Übelkeit.

Sie setzten sich gegen etwas, dessen ursprüngliche Form nicht mehr erkennbar war. Beide starrten auf das glasierte Land vor sich. Ausdruckslos. Wissend.

Christin fragte: „Was ist heute für ein Tag?“ Ronald machte eine unbestimmte Geste. „Keine Ahnung. Ist das wichtig?“ Christin sah ihn nicht an. „Am Dienstag habe ich einen Termin in der Autowerkstatt. Das Getriebe …“ Ronald setzte zu einer Entgegnung an, hielt aber inne und wählte seine Worte neu. 

„Du hättest auf mich hören sollen. All die sinnlosen Reparaturen der vergangenen Monate. Ein Neuwagen wäre besser gewesen“. 

Sie stutzte. Eine Sekunde. „Du hast gut Reden. Warum hast du mir keinen gekauft?“ Er seufzte. „Wollen wir das jetzt klären? Heute? An diesem Tag?“ „Worüber sollen wir denn sonst reden?“ Ihre Antwort klang auf eine Art schnippisch, die ihn ärgerte.

Gerade wollte er zu einer Antwort ansetzen, da versagte seine Stimme. Und dann sein Herz. Er schwieg für immer. Es dauerte geraume Zeit, bis Christin das bemerkte. Durchaus verärgert. „Typisch!“. Mehr sagte sie nicht. Sie starb von einem auf den nächsten Moment. Ihr linkes Bein war voller Insekten.

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