Und wieder England. Wir sind im Peak District. Zum Fotografieren ist die X100F dabei. Nur die X100F. Ich hatte es bereits an anderer Stelle in Worte gefasst. Was das Besondere an der Kompakten aus Japan ist, wie sie meine Fotografie verändert und warum sie mir so gut gefällt. Das gilt nicht nur nach wie vor. Das gilt mehr denn je.
Wir sind eine Woche auf der Insel. Laut Wettervorhersage werde ich zwei Tage mit schönem Licht haben. Da kann ich früh zum Fotografieren. Die ersten Sonnenstrahlen gehören mir. Und alles, was danach kommt.
Von den Dingen, die ich bislang in England sah, hat mir der Peak District am Besten gefallen. Sanfte Hügel und so. Weit gucken können. Wunderschöne Mauern. Völlig anders als Teneriffa. Was schöner ist? England. Mit Ausrufezeichen. Was netter temperiert ist? Eine rhetorische Frage.
Wäre ich Milliardär, würde ich ständig zwischen beiden wechseln. Peak District. El Médano. Peak District …
7. Dezember 2017
Am Abend musste ich mich entscheiden. Wohin zum Fotografieren? Laut Wettervorhersage würde es ein sonniger Tag werden. Der angekündigte zweite Tag mit Sonne hat es sich schon anders überlegt. Keine Sonne. Wolken. Mein Zeitfenster wurde somit noch kleiner. Nur noch einen Tag fotografieren. Aus einer Liste von 5 Zielen habe ich mich ohne langes Nachdenken für Higger Tor entschieden.
8. Dezember 2017
Aufgestanden bin ich kurz nach 5 Uhr morgens. Es ist stockdunkel. Und es liegt Schnee. Den hatte ich nicht mehr erwartet. Ich mache mich auf den Weg. Die Hauptstraße wurde bereits geräumt. Das Tempo ist hoch. Ich bin Teil des Berufsverkehrs.
Die Abzweigung zum Higger Tor zeigt mir, dass der englische Räumdienst nicht überall zugleich sein kann. Die Straße entpuppt sich als Eisbahn. Einmal musste ich wegen eines entgegenkommenden Autos anhalten. Da war Schluss. Gegen die Steigung kam ich nicht mehr vom Fleck. Mir fehlte der Schwung. Die Räder drehten durch. Trotz des im zweiten Gang zärtlich gedrückten Gaspedals. Eine Umkehr kam trotzdem nicht infrage. Das Licht war einfach zu schön. Ich lasse mich zurück rollen und versuche mit den Rädern der rechten Seite den Grünstreifen und nicht den Straßengraben zu treffen. Das klappt. Der Grünstreifen, der teilweise auch ein Geröllstreifen ist, bietet mir Halt für den nötigen Schwung zur Weiterfahrt. Bloß nicht noch mal anhalten!
Oben angekommen vermeide ich jeden Gedanken an die Tatsache, dass ich diese Straße auch wieder runterrutschen runterfahren muss. Erstmal fotografieren!
Ausgestiegen spüre ich als erstes die Kälte. Da mein schönes-Morgenlicht-Zeitfenster bereits weit offen ist, muss ich mich beeilen. Ich gehe vom ersten Parkplatz in die Landschaft. Rund 100 Meter weiter sehe ich noch einen Fotografen. Mit Stativ. Er fotografiert in Richtung der aufgehenden Sonne. Die bevorzuge ich im Rücken. Es sieht einfach grandios aus, wie die Landschaft vor mir langsam erhellt wird. Der Schnee beginnt zu leuchten. Von all den schönen Lichtstimmungen, die ich in meinem Leben sah, gehört diese zu den Besten.
Der mutmaßliche Engländer und ich sehen uns. Lust auf eine Unterhaltung haben weder er noch ich. Das Licht ist nur noch kurze Zeit so schön und es ist dermaßen kalt und windig, dass es jeder Beschreibung spottet. Ich denke in Kälte. Bei jedem Schritt „Man ist das kalt“. Ein Wunder ist das angesichts der Höhe (über 400 Meter), der Jahreszeit und wegen des ungeschützten Gipfels allerdings nicht.
Auf dem Berg ist mir wirklich jedes Lachen vergangen. Vollständig. Die Kälte hat mich überall erwischt. Sie hat sich in mich gekrallt und meine Aufmerksamkeit eingefroren. Egal wohin ich sah. Egal wohin ich mich drehte. Irgendwann habe ich meine Hände kaum noch gespürt. Ich war dermaßen durchgefroren, dass ich mich nicht mehr um die exakte Ausrichtung meiner X100F kümmern konnte. Am Ende war mir sogar so kalt, dass ich nicht mal mehr in der Lage war, die Belichtung zu kontrollieren. Zum Glück hat es letztlich trotzdem gepasst, weil sich die Bedingungen nicht verändert haben.
Kurz darauf konnte ich der Kälte nicht länger standhalten. Ich bin so schnell es ging zum Auto zurück. Meinen Mittbewerber im Schlepptau. Wir haben auch jetzt nicht miteinander geredet.
Im Wagen habe ich erst den Motor gestartet und dann die Heizung eingeschaltet. Als meine Hände dann auftauten, tat das dermaßen weh, dass nichts mehr ging.
Es hat über 10 Minuten gedauert, bis die Schmerzen so weit nachließen, dass es losgehen konnte. Rollend. Im zweiten Gang. Im Schneckentempo. Damit ich mitsamt dem Auto nicht über die Klippen gehe. Die Heimfahrt über das eisglatte Gefälle schien mir weit herausfordernder, als die Auffahrt zuvor.
Rückblickend war ich nicht auf solche Wetterbedingungen gefasst. Meistens nehme ich ungemütliche Temperaturen gleichgültig hin und gehe auch gern mal über meine Grenzen. Den hier erlebten Minusgraden und dem Wind war ich nur begrenzte Zeit gewachsen.
Am Nachmittag wollte ich es noch mal versuchen. Nichts zu machen. Uns kamen mehrere Autos mit 4-Rad-Antrieb entgegen. Drei Fahrer nahmen sich die Zeit und hielten mit geöffnetem Seitenfenster neben mir an, um mir dringend zur Umkehr zu raten. Ich habe das dann beherzigt und drehte das Auto an Ort und Stelle. Genau wie mein Vordermann.











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