Go Sächsisch!

Das Vokabel-Kapitel. Mit Begriffen, die ich gelernt habe und noch lernen werde. Hier gilt: Bevor Sie sich Daheeme am Däähds kratzen und womöglich noch diggschn und fänsen – ruhig Blut! Ich lasse Sie nicht im dreeschen stehen. Versprochen.

Viele der „ortsansässigen“ Vokabeln verstehe ich längst ohne Nachfrage – und sie haben mich bereichert. Das brav-hochdeutsche „fertig“ wurde von mir längst durch die sächsische Version „färdsch“ ersetzt. Ist knackiger. Endgültiger. Mehr auf dem Punkt.

Bevor es losgeht …

Es gibt nicht „das“ Sächsisch. Leipziger und (z. B.) Dresdner sprechen nicht denselben Dialekt.

Ausgeschalten

Im sächsischen Sprachraum höre ich ab und an „ausgeschalten“. Das kenne ich nur als ausgeschaltet. Ich vermute, dass das eine geographische Eigenart ist. Mich würde interessieren, wie das im Diktat behandelt wird.

Ausbaldowern

Vermutlich überwiegend im „finsteren“ Kontext gebraucht. Bei geplanten Überfällen / Raubzügen wird die Lage vor Ort ausbaldowert (ausgekundschaftet).

Wir können wohl davon ausgehen, dass dieses Wort traurig in einer Ecke liegt und verstaubt. Weil es nur noch selten zum Einsatz kommt. Weil sich kaum jemand daran erinnert. Weil gestern nicht heute ist.

Ausbaldowern passt eher in die Zeit der Heinz-Rühmann-Filme. 20 Jahre später hieß es dann „Schmiere stehen“. Heute wird man in solchen Kreisen vermutlich „die Lage checken“. Trotzdem: Ich mag das Wort. Ausbaldowern. Das hat so eine herrlich retro-mäßige Anmutung. Zweifarbige Lackierung. Chrome-Leisten. Weißwand-Reifen.

Bemmbix

Die Brotdose. Futter für die Arbeit / unterwegs. Auch mit anderen Dingen füllbar. Zu DDR-Zeiten bestand die Dose aus Blech.

Bemme

Die Scheibe Brot. Mit was drauf. Ich mag das Wort! Das klingt wunderbar frech und jung. Bemme ist viel „spritziger“, als das „amtliche“ Brot, das im Vergleich ziemlich trocken daherkommt. Lasst uns nur noch Bemme sagen!

Bomforzionös

Bitte mit einem französischen Unterton aussprechen! Gefühlt müssen Sie das frische Baguette fast schon auf der Zunge haben! Bomforzionös ist Begeisterung pur. Klasse. Toll. Super. Nun ja: bomforzionös halt!

Diggschn

Keine gute Stimmung. Die Trotzhaltung. Wie viele Sachsen das noch verwenden? Keine Ahnung. Als in Hamburg Geborener würde ich eher zu „Sei nicht so zickig!“ tendieren.

Fänsen

Heulen, flennen, jaulen. Wegen Nichtigkeiten. Die einzige hochdeutsche Alternative, die mir aus dem Stand einfällt? Heulsuse. Das ist nur leider kein Verb – und genau das macht für mich den Reiz von fänsen aus. Es gibt aber auch das Substantiv. Immer diese Fänserei! Hör‘ auf mit dem Gefänse!

Eine Frage hätte ich aber noch: Wann kommt das zum Einsatz? Irgendwie wäre es ja recht „undiplomatisch“, wenn jemand am Fänsen ist und man ihm / ihr genau das an den Kopf wirft. Tendenziell würde ich denjenigen verbal eher wie ein rohes Ei anfassen – es sei denn, er / sie nervt mich zu sehr. Ah. OK. Verstehe! Passt also doch. „Hör auf zu fänsen, du Lappen!“ Ja. Das geht in Ordnung. Gefällt mir!

Färdsch

Auf Hochdeutsch: Fertig. Wird z. B. am Ende eines Arbeitstages oder bei abgeschlossenen Aufgaben verwendet. Ich habe es schon mehrfach gehört.

Färdsch wird resolut und zügig ausgesprochen. Hier wird keine Zeit vergeudet. Man ist ja schließlich färdsch! Einfach mal üben, das zackig auszusprechen. Färdsch! Nur dann kommt es auch sächsisch rüber!

Flieschor

Für hochdeutsche Ohren ein nahezu geniales Wort für Flugzeug.

Freisitz

Ein Begriff, der wie feinstes Hochdeutsch anmutet. Eine echte Perle norddeutscher Sprachkunst. In Hamburg habe ich dieses Wort nur nie gehört.

Freisitz kennzeichnet eine Sitzgelegenheit für draußen. Anzutreffen vor Cafés, Restaurants oder (mutmaße ich) auch im privaten Bereich in Form von Stühlen auf Balkonen und Terrassen.

Modschegiebchen

Was ich gedacht habe, als ich das Wort erstmals hörte? Wenig. Schweigen im Walde. Meine Gehirnzellen? Tilt.

Ich hab dann versucht, das Wort zurückzuholen. Es im Kopf nachhallen zu lassen. Mit irgendwas zu verbinden. Hat nicht funktioniert. Ich musste dann nachfragen. Modschegiebchen. Steht für Marienkäfer. Klingt doch süß, oder?

Ostalgie

… ist kein sächsisches Wort, aber ein Begriff, der gut in dieses Kapitel passt. Es geht darum, dass man sich mit positiv besetzten Gefühlen an DDR-Zeiten erinnert. Sozusagen der wehmütige Blick zurück. Oft verbunden mit Produkten, Veranstaltungen, Autos, oder anderen Erinnerungen.

Schlippe

Die sächsische Bezeichnung für Verbindungsweg. Was ich mich gerade frage: Sind nicht alle Wege irgendwie Verbindungswege?

Schwoofen

Ganz einfach: Tanzen. Schwoofen ist ein Wort, das in Vergessenheit geraten wird. Ausgesprochen wird es nur von Menschen, die sogar noch älter sind als ich. Von Teens und Twens habe ich es noch nie gehört.

Stimmt. Schwoofen ist noch nicht mausetot, aber diese Vokabel liegt bereits blass und leblos auf der Intensivstation. Die letzten Zuckungen habe ich gerade gesehen. Kein Defibrillator weit und breit. Hat jemand Blumen besorgt?

Und dann ist da noch Lawede …

Lawede? Ja. Noch so ein Wort, das nur den Sachsen geläufig ist. Nach meiner Einschätzung ist das kein Dialekt, sondern ein eigenständiger Begriff, der hübsch klingt, aber eine eher unangenehme Tatsache benennt: Wenn etwas nicht sonderlich stabil, bzw. klapprig ist – dann ist es lawede.

Angesichts meines fortgeschrittenen Alters (und des damit einhergehenden Verfalls) denke ich nun darüber nach, ob ich mich in Zukunft Jörn Lawede Daberkow nenne. Aber gut. Vielleicht warte ich damit noch bis 2030. Da habe ich wieder einen runden Geburtstag.

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